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(Mitteilung vom Herbst 2002)
Thema: APFEL und ESSIG
Ulla Jaeger
Über
ein viertel Jahr dauert es, bis aus dem Apfel Essig wird! Bei der
Herstellung von Apfelessig spielt die Zeit in Form von Gär- und
Reifeprozessen eine große Rolle.
Dabei kann sich das Auge vom tiefen Rot des reifen
Apfels bis zum warmen Gold des fertigen Apfelessigs sattsehen.
Die Nase begegnet allerhand unterschiedlichen Düften
und übernimmt eine wichtige Aufgabe bei der Beobachtung des
Reifeprozesses.
Als Heilmittel und zum Konservieren wurde der Essig
schon 3000 v.Chr. aus Früchten der Dattelpalme in Ägypten verwendet. In
der Geschichte war Essig das erste Antibiotikum, von dem man zwar wusste,
dass es wirkt, aber noch nicht den Einblick in die Einzelheiten hatte,
wie es wirkt.
Nahezu alle Kulturvölker haben eine lange Tradition
verschiedener Zubereitungen und Anwendungen für dieses Geschenk der
Natur; den Römern verdanken wir so manches Schönheitsrezept auf
Essiggrundlage.
Die
Herstellung des Essigs
Die Essigherstellung, die ich im Folgenden beschreibe,
ist auf unserem Obsthof meine Aufgabe.
Aus ausgesuchten Apfelsorten, denn sie bestimmen unter
Anderem die Essigqualität, wird der Saft kalt mit unserer Luftdruckpresse
gepresst. Er wird dann in ein Gärfass gefüllt und mit einem Teil “altem“,
bereits vorgegorenem Apfelmost angesetzt. Sodann beginnt die alkoholische
Gärung, die den Zucker in Alkohol verwandelt. Vom frischen Saft bis zum fertigen Apfelmost müssen mindestens 6
bis 8 Wochen gerechnet werden. Dieser Apfelmost ist die Grundlage für den
Apfelessig. Nun gehen die Essigbakterien ans Werk.
Essigbakterien sind in der Luft enthalten, das
bedeutet: auch ohne unser Zutun würde aus dem Apfelmost unter
Lufteinfluss immer Essig.
Für uns ist es jedoch wichtig, dass nicht irgend
welche Essigbakterien sich ansiedeln und vermehren, sondern die
Essigbakterien, die gründlich und gut arbeiten. Hierzu wird der Apfelmost
zu gleichen Teilen mit bereits fertigem Apfelessig in einem großen Glasballon
angesetzt. 25 Liter Apfelessig können so in einem Glasballon entstehen.
Dann wird noch ein Stück Essigmutter dazugegeben und
der Gärprozess beginnt.
Zum Schutz vor Essigfliegen, die gerne ihre Eier dort
ablegen wollen, wird die Öffnung mit einem Tuch verdeckt, das den
Luftaustausch zulässt, aber die Fliegen abhält.
In
den nächsten Tagen wird erkennbar, dass sich an der Oberfläche des Essigs
eine Schicht bildet, Kammhaut oder auch Essigmutter genannt. Sie
ist eine zusammenhängende schwammartige Schicht von ca. 0,5 - 2 cm Stärke
und ist der wichtige Bestandteil der Essigherstellung. Die
Essigmutter ist das Produkt
der Gärung und benötigt viel Fläche wegen ihres Sauerstoffbedarfes. Aus
diesem Grunde werden Glasballone verwendet, die einen großen Durchmesser
haben und somit eine große Flüssigkeitsoberfläche zulassen. Die gläsernen
Gefäße lassen im übrigen Licht und Sonnenstrahlen einfallen und ich kann
bei der Bildung der Essigmutter beobachten, dass sich unterschiedliche Strukturen
während des Entstehungsprozesses ausbilden. Da Ansatzmenge und Art immer
gleich sind, scheint mir, dass zusätzliche Einflüsse hinzutreten.
Unter Verwendung von Sauerstoff arbeiten die ein Tausendstel
Millimeter großen Bakterien und ernähren sich von Alkohol. Enzyme
verbinden Sauerstoff mit dem Alkohol. Dieser oxydierte Alkohol ist die
Essigsäure.
Unter
guten Bedingungen, das bedeutet Ruhe und gleichmäßige Wärme von ca. 24 °C
bis 28 °C, ist dieser Prozess nach 6 bis acht Wochen beendet. Im
Winter kann es bis zu 12 Wochen dauern. Zu kalte oder warme Temperaturen
schädigen oder vernichten die Bakterien. Eine Kost- und Riechprobe lässt
ein Urteil über den Stand des Gärprozesses zu.
Die gesetzliche Vorschrift für Obstessig verlangt
mindestens 5% Säure. Das Labor Lacher in Kirchhofen untersucht meine
Essigproben in regelmäßigen Abständen.
Jetzt,
nachdem ein Vierteljahr vergangen ist und aus dem naturtrüben Apfelsaft
der köstliche Apfelessig entstanden ist, kann er in Flaschen
abgefüllt werden, um dann
nachzureifen.
Dasselbe Verfahren haben wir auch schon bei Kirsch-
und Johannisbeersaft angewandt und einen Obstessig der besonderen Art
erhalten.
Seitenblick
auf die industrielle Herstellung
Industriell hergestellter Apfelessig wird durch das
sogenannte submerse Durchlüftungsverfahren hergestellt. Eine schnellere Essigsäuregärung
ist der Zweck dieser Erfindung und wird erreicht, indem von unten fein
verteilte Luft eingeblasen wird. Aufgrund der schnelleren Veressigung
entsteht mehr Wärme. Um eine Überhitzung zu vermeiden, müssen die Gefäße
laufend gekühlt werden.
Für dieses Verfahren werden speziell hochentwickelte
Essigbakterien verwendet, die beim Oberflächenverfahren, wie wir es
praktizieren, nicht überleben würden.
Die industrielle Herstellung von Essig dauert nur noch
ein bis zwei Tage.
Weiterverarbeitung
des Apfelessigs
Apfelessig kann nun auf unterschiedliche weise
weiterverarbeitet werden. Kräuteressige und Fruchtessige sind beliebte
Varianten. Hierzu wird der fertige Apfelessig nochmals in einem
Glasballon mit Kräutern - wie Bärlauch oder Dill - oder mit Früchten -
wie Wildkirschen oder Himbeeren - angesetzt. Je nach gewünschter
Intensität dauert dies 2 bis 4 Wochen. Es handelt sich dabei um
sogenannte Ansatzessige.
Bei uns haben sich folgende Essige bewährt:
Frühlingszwiebelessig,
Himbeeressig, Kirschessig, Dillessig, Rosmarinessig, Knoblauchessig,
Bärlauchessig und Zitronenessig.
So manche Speise lässt sich dadurch verfeinern und erhält einen
Geschmack, der sie hervorhebt.
Der gesamte Herstellungsprozess dieser Ansatzessige
auf der Grundlage von Apfelessig ist nach viermonatiger Herstellungszeit
und Nachreife dann in Karaffen oder Geradhalsflaschen auf dem Markt zu
finden.
Ungeöffnet sollte Essig dunkel und kühl aufbewahrt
werden, angebrochen kann er greifbar in der Küche bereit stehen. Er muss
nicht in den Kühlschrank gestellt werden.
Unser
naturtrüber Apfelessig hat einen hohen Gehalt an Mineralstoffen und wird deshalb gerne morgens
getrunken: ein Glas Mineralwasser mit einem Teelöffel Apfelessig und
einem Teelöffel Honig.
Unsere
Obstanlagen
Ein Drittel unserer Fläche von insgesamt neun Hektar
ist mit Apfelbäumen bepflanzt. Für den Essig verwenden wir vorwiegend
eher süßsäuerliche Apfelsorten, wir zum Beispiel Elstar, Alkmene, Topaz
oder Gravensteiner.
Sowohl
die Beerenfrüchte als auch das Steinobst, welche für die Ansatzessige
verwendet werden, sind aus unserem eigenen Anbau. Deshalb
kann ich den optimalen Reifezeitpunkt für die Ernte wählen.
Die
Kräuter wachsen in unserem Glashaus oder im Kräutergarten, der zwischen
den Bienen und Hühnern seinen Platz gefunden hat. Beim
Ernten der Kräuter und dem anschließenden Ansetzen mit Essig sind immer
unsere Kinder mit von der Partie. Auch sie wollen sich diese genussvolle
Tätigkeit nicht entgehen lassen.
Ulla Jaeger
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